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Building

BIM: "Emails sind keine Kommunikation..."

Jörg Gamperling 02.05.2017

Adrian Wildenauer, Senior Consultant im Bereich Digital Real Estate bei der pom+Consulting AG – ein für Immobilien, Infrastrukturen und Organisationen tätiges Schweizer Beratungsunternehmen –, bricht im Interview mit Jörg Gamperling, Redaktion Integrale Planung, eine Lanze für eine neue, transparente Kommunikations- und Informationskultur am Bau.

Wie definierst Du integrale Planung persönlich?

In meinen Augen ist integrale Planung das holistische Durchdringen des kompletten Planungsprozesses von der Idee bis zum Abriss – verbunden mit dem stetigen Streben nach Verbesserung von Prozessen und Abläufen.

Wichtig ist doch, die richtigen Fragen zu Beginn zu stellen, um ein Projekt korrekt aufzugleisen: Was braucht der Bauherr? Was sind seine Ziele? Was sind seine Nichtziele, sprich was gehört zur Aufgabenstellung? Wieso möchte er bauen? Was ist ihm besonders wichtig? Was ist ihm unwichtig?
Allen Projektbeteiligten müssen Ziele und Aufgabenstellung klar sein und alle müssen vom gleichen sprechen.

Oft herrscht Unzufriedenheit, weil die Projektbeteiligten, die eigentlich Partner sein sollten, aneinander vorbeireden und völlig unterschiedliche Herangehensweisen an den Tag legen was per se nicht schlimm ist. Jeder kann und soll seine Aufgaben unterschiedlich lösen. Jedoch ist die tägliche Wahrheit die, dass man aneinander vorbeispricht: Der eine meint A, sagt B, wollte aber C. Beim Gegenüber kommt D an, er möchte aber E und ist verärgert, dass F ausgeliefert wird…
Wichtigstes Merkmal von integraler Planung ist nach meinem Dafürhalten die Einbeziehung von Informations- und Kommunikationstechniken und wichtiger, dazugehörigen Regeln. Eskalationsregeln, die nur in den wenigsten Projekten umgesetzt werden, sind zum Beispiel so wichtig! Was passiert bei Problemen? Hier gibt es zu wenige Projekte, die von Beginn an klare Strukturen haben.

Inwiefern beschäftigst Du Dich mit dem Thema integrale Planung?

Das ist total eigennützig, weil ich mir das Leben als Planer einfacher machen möchte. Warum soll ich Energie in Streit und Eskalationen legen, wenn ich sie doch lieber darauf verwenden kann, die bestmögliche Lösung für den Bauherrn und das Bauprojekt zu finden? Ab und zu erlebe ich auch heute noch Planer, die in ihrem Elfenbeinturm sitzen und kein Interesse an integraler Zusammenarbeit haben, da sie gerne die Lösung, die sie in der berühmten Schublade haben, einfach wieder im nächsten Projekt anwenden möchten. Das wäre doch so einfach, gemeinsam neue Techniken anzuwenden und Dinge besser zu machen! Ist das nicht der Reiz eines jeden neuen Projektes?

Bitte grenze integrale Planung vom Schlagwort BIM ab …

Building Information Modeling (BIM) ist nichts anderes als eine dreidimensional basierte Planung, es umfasst entgegen der landläufigen Meinung keinerlei kommunikations- oder informationstechnologische Tools. Virtual Design and Construction (VDC) ist sozusagen die Mutter von BIM und umfasst diese Aspekte samt dazugehöriger Prozesse. Das ist für mich nichts anderes als integrale Planung mit dem positiven Nebeneffekt eines modellbasierten Austauschs.
Integrale Planung dagegen ist das gemeinsame Miteinander und Verständigen auf eine gemeinsame Problemsuche und -lösung. Natürlich kann ich integral planen ohne dreidimensionale Aspekte. Das hat ja schon in den Dombauhütten im Mittelalter funktioniert. Allerdings ist es umgekehrt nicht möglich: Eine BIM-basierte Planung kann und wird nicht ohne integrale Planungsansätze funktionieren. Es braucht Offenheit, Transparenz und vor allem den Willen, beides stetig umzusetzen. Also: miteinander statt gegeneinander!

Suspekt finde ich persönlich, dass der Trend sofort zur 7D-Planung geht, also die Vermischung von Kosten, Terminen, Bauelementen, Abläufen und Abwicklung. Ob das Sinn macht, wage ich zu bezweifeln, wenn man sich nicht über die Grundzüge des Miteinanders verständigen kann. Man unterhält sich auf dem Bau über "HoloLens“, Robotik-Lösungen und „Augmented Reality“, schafft es aber nicht, sich mit seinem Gegenüber lösungsorientiert zu unterhalten. So etwas schafft nur Unsicherheit beim Gegenüber. Oft erlebe ich es, dass die Projektbeteiligten total verunsichert sind, was nun der BIM-Berater eigentlich möchte? Werde ich als Planer nun redundant und werde nicht mehr benötigt? Sinkt mein Honorar? Muss ich mehr leisten für weniger Geld?
Liebe Planer, das ist absoluter Nonsens! Nicht weil ich BIM anwende, werde ich redundant, sondern wenn ich es nicht mehr anwende, werde ich redundant in Zukunft.

Allerdings muss ich ergänzen, dass BIM mittlerweile ein Unwort für mich ist, da sich nun viele mit dieser Abkürzung schmücken, aber keiner so richtig und genau weiß, was das nun eigentlich ist. Ordnung ist so wichtig in Projekten – ob nun mit BIM oder ohne! BIM kann ungeordnet genauso viel oder sogar noch mehr Probleme generieren wie eine „bisherige“ zweidimensionale Planung. Auch BIM benötigt Regeln, vermutlich noch mehr als das „alte“ Planerleben mit Zeichenbrett und Tuschestift.

Du befasst dich seit nunmehr 13 Jahren mit den Prozessen rund um BIM. Ein Fazit … ?!

Miteinander statt gegeneinander! Es fällt vielen im Bauwesen schwer, über Lösungen zu diskutieren. Oft gibt es nur das Problem und keine Lösungsansätze. Warum machen wir uns auf dem Bau das Leben oft so schwer und umständlich? Warum sind wir nicht ehrlich zueinander? Wir wussten doch sicherlich schon früher als gedacht, dass es nicht möglich ist, eines der weltbesten Opernhäuser für 77 Mio. Euro zu bauen. Warum wurde dann nicht von vornherein ehrlich kommuniziert? Wir wissen alle, dass die Bauindustrie nicht dafür bekannt ist, dass sie besonders innovativ ist. Ich sage hier immer, dass die zwei grössten Erfindungen der Baubranche in den letzten 40 Jahren Silikon und Bauschaum sind…

Für mich ist es ebenfalls befremdlich, dass die Innovationen nicht aus der Baubranche selbst kommen, sondern, wie zum Beispiel in der Schweiz, die Innovationen oftmals vom Bauherrn ausgehen. Diese haben wenig mit dem Bauen zu tun und sind doch die größten Innovatoren auf dem Bau. In der Schweiz sind viele Krankenhausbetreiber und Pharmafirmen die großen Treiber von Neuerungen. Ist das nicht komisch, dass immer Externe diejenigen sind, die andere Branchen aufrütteln? Hier möchte ich nur Google-„Nest“ erwähnen. Baufremde Anbieter kommen mit neuartigen Produkten und werden zu Trendsettern und, wichtiger, Taktgeber in der Branche. Ist das nicht paradox? Sind wir auf dem Bau nicht mehr kreativ genug?

Du lebst und arbeitest in Zürich als Senior Consultant im Bereich Digital Real Estate. Was können deutsche TGA-Fachplaner und Architekten vom Nachbarland lernen?

  • Seid offen für Neues! Warum sollten neue Techniken per se schlecht sein? Probiert es aus.
  • Bringt eigene Vorschläge und Verbesserungen ein! Lernt, euer Gegenüber mit lösungsorientierten Argumenten zu überzeugen. Probleme sind von gestern!
  • Redet miteinander! Stellt keine Vermutungen an, was das Gegenüber möchte, sondern klärt Dinge ab und haltet das Ergebnis für beide Seiten fest.
  • Kommuniziert! Emails sind keine Kommunikation. Eure erstellten Modelle können für andere wichtig sein und Arbeit ersparen – auch da, wo man es nicht vermutet! Wir erstellen beispielsweise dreidimensionale Gebäudemodelle in der Genauigkeit, die vom Bauphysiker für solare Eintragsanalysen genutzt werden können. So etwas hätten wir ohne Kommunikation einfach nicht gewusst.
  • Seid unkompliziert! Denkt einmal unkompliziert und schlagt dem Bauherrn selbst etwas vor, wie man ein Projekt anders abwickeln könnte. Vielleicht ist das ein neues und erweitertes Geschäftsmodell für Euch?
  • Fehler sind dazu da, gemacht zu werden! Glaubt nicht die Mär, dass mit BIM keine Fehler mehr gemacht werden. In der Schweiz hat es, anders als in Deutschland, eine hohe Fehlerkultur. Jeder Fehler darf und muss einmal gemacht werden. Wie sollen sonst Verbesserungen möglich sein? Woher soll man wissen, was der Fehler auslöst? Wie viele Produkte und Verbesserungen wurden erst durch Fehler möglich!

Wie weit sind die Themen „Lebenszyklusanalyse von Gebäuden“ bzw. „Ökobilanzierung von Bauprodukten“ in der Schweiz schon gediehen?

Hier gibt es mehrere Ansätze. Dazu muss ich sagen, dass der helvetische Weg oft so ist, dass man verschiedene Wege zum Teil auch gleichzeitig ausprobiert und an der nächsten Weggabelung überlegt, was man besser machen könnte. Das hat aber nichts mit Vorsicht zu tun, sondern mit Überlegen, was man tut. In der Schweiz ist man sehr konsensorientiert, was solchen Themen zugutekommt. Ich kenne mehrere Ansätze, dass man den Bauelementen in den digitalen Gebäudemodellen die ökologischen Informationen mitgibt und diese dann dezidiert in einem Terminplan auswertet. Dieser Terminplan wird zum Mittelabflussplan für den Bauherrn, bei dem dieser erkennt, wann, wie, welche Bauelemente (z. B. Teppichböden) ausgetauscht werden müssen. Bei einer Änderung der Bodenbeläge in Parkett erkennt der Bauherr sofort, dass er am Anfang beispielsweise 100 CHF/m² mehr investieren muss, dafür aber nach 15 Jahren den Boden nicht austauschen muss, sondern erst nach zum Beispiel 40 Jahren. Ist das nicht genial und einfach? Man nimmt dem Bauherrn Aufgaben ab und hat ein weiteres Geschäftsmodell, um den Kunden noch besser bedienen zu können. Warum sollte man das nicht tun?

Weiterhin kann man über Verknüpfungen mit Datenbanken den ökologischen Fußabdruck eines Gebäudes generieren. Nicht auf Knopfdruck, aber einfacher und genauer als bisher. Auch sind so spezifischere und genauere Analysen möglich als zuvor, wo jedem Betonelement pauschal eine Lebensdauer von 50 Jahren oder einer Rohrschelle eine Lebensdauer von sagen wir zehn Jahren mitgegeben wurde.