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"Unternehmervarianten werden zusehends interessanter"

Im interview mit Christina Annen, Head of Service Unit Bautreuhand 18.07.2022

Die Welt steht vor einer Vielzahl Herausforderungen: der Angriffskrieg in der Ukraine, Inflation, die wiederaufflammende Covid-19-Pandemie, die Klimakrise… Wie stark sind diese Entwicklungen im Gebäudesektor spürbar?

Als Querschnittsbranche hat die Bau- und Immobilienwirtschaft viele Anknüpfungspunkte zu anderen Branchen und reagiert zwar zeitlich verzögert, aber dennoch stark auf mikro- und makroökonomische Veränderungen. Derzeit bereitet vor allem die Kombination von verschiedenen krisenhaften Faktoren Kopfschmerzen. Dazu gehören die fortschreitende Zinswende, Lieferkettenprobleme infolge der Corona-Pandemie, Materialengpässe und Energieknappheit durch den Krieg in der Ukraine sowie der Fachkräftemangel.

Was bedeutet das für laufende und anstehende Bauprojekte? 

Materialverfügbarkeit und Preise sind tonangebend auf der Baustelle. Die Materialknappheit führt dazu, dass in Offerten oft keine Fixpreise mehr angeboten werden, sondern Lieferanten erst bei der Bestellung den aktuellen Marktpreis setzen. Preise können zudem innerhalb weniger Wochen starken Schwankungen unterliegen und je nach Anbieter stark differieren. Damit sind Kostenvoranschläge und Schätzungen der Marktpreise sehr schwer vorhersagbar. Liefertermine von Bauteilen, welche international gesourced werden oder nicht aus vorhandener Lagerhaltung verfügbar sind, unterliegen monatelangen Lieferfristen. Für anstehende Bauprojekte wird sich jeder Investor, jede Investorin, unabhängig ob privat, unternehmerisch oder öffentlich tätig, genau überlegen, ob es ratsamer ist, die volatilen Randbedingungen einzukalkulieren oder ob ein Aufschub auf ungewisse Zeit die bessere Option ist. 

 

Welche Lösungen sind dem entgegenzusetzen? 

Da auch viele Planungsbüros und Bauunternehmen stark ausgelastet sind, befinden wir uns in einem Lieferanten- bzw. Verkäufermarkt, der in vielerlei Hinsicht und in allen Gewerken unter der Verknappung leidet. Damit Kosten nicht aus dem Ruder laufen, sind enge Abstimmungsprozesse mit der Beschaffung und neue Lösungen bei Problemen mit Engpässen nötig. Unternehmervarianten werden zusehends interessant, da die Bauunternehmen am Puls des Marktes sind und oft gute Alternativen aufzeigen können. Entscheidend sind in diesen Krisenzeiten stringentes Projektcontrolling, eine agile, zuverlässige Projektleitung, welche sich schnell neuen Herausforderungen anpassen kann und kurze Entscheidungswege.  

Abgesehen vom Krisenmodus; wo liegen weitere dringliche Herausforderungen, denen sich die Bau- und Immobilienbranche in den nächsten Jahren prioritär stellen muss? 

Über wenige Wochen haben sich Energie- und Rohstoffpreise vervielfacht. Umso sensibler wird zukünftig der Umgang mit Ressourcen. Die sechs Zementwerke in der Schweiz sind allein für etwa 5 Prozent der nationalen CO2-Emissionen verantwortlich. Die Bau-, Baustoff- und Zementindustrie hat also eine ungeheure Hebelwirkung, wenn es um die Erreichung der Netto-Null-Ziele geht. Mit intelligenten Strategien zur Rezyklierbarkeit über den gesamten Gebäudelebenszyklus und der Wiederverwendung von Rohstoffe nach dem Prinzip der Kreislaufwirtschaft (Circular Economy) muss die eigentliche Bautätigkeit zu weiten Teilen neu gedacht werden. In einem ersten Schritt ist der überlegte Einsatz von Materialien dabei zentral, in einem zweiten Schritt müssen Energie- und Ressourcenverbrauch mittels Smart Building mess- und steuerbar gemacht werden. 

Wie weit ist die Baubranche bezüglich Digitalisierung und Innovationen? 

Die Schweizer Bauwirtschaft hat gegenüber anderen Branchen einen beachtlichen Backlog, was die Digitalisierung des Bauprozesses als solches als auch das Projektmanagement (z.B. mittels BIM und Life Cycle Data Management) angeht. Digitalisierung und Kreislaufwirtschaft sind zwar in aller Munde, werden jedoch vor allem durch die grösseren Marktplayer vorangetrieben und finanziert. Momentan bezahlen First Mover noch einen erheblichen Preis, bis Skaleneffekte erzielbar sind. Die Definition und Standardisierung von Prozessen, Normen und Tools für das Thema steht noch aus. Mit zunehmender Lernkurve der Planer:innen und Stakeholder werden sich gängige digitalisierte Lösungen noch weiter etablieren. Für alle gilt jedoch kurz gesagt: Walk the talk - den Worten Taten folgen lassen. 

Bonusfrage: Welche Technologien werden in Zukunft relevant? 

Die Dezentralisierung von Prozessen, z.B. 3D-Druck von Baumaterial on-site sowie Virtual Reality für die Projektleitung, Bauherrschaft und andere Stakeholder auf Baustellen oder in Immobilienobjekten führen dazu, dass Prozesse effizienter abgewickelt und standortunabhängig ablaufen können.
Die Digitalisierung wird auch im Wohnungsbau noch stärker mittels Smart Building abgebildet werden, vor allem aus dem Druck heraus, Energie dezentral z.B. über Kollektoren auf der Gebäudehülle zu generieren, möglichst zu Produktionszeiten selbst zu nutzen oder im Gebäude speichern zu können. 
Mit der Digitalisierung des Bauprojektmanagement und GPS RFID Tracking von Baumaterial entstehen zunehmen Möglichkeiten, wie Leerläufe und Wartezeiten im Projekt oder im Bauprozess vermieden werden können und Lean Management umgesetzt wird.  

Alles glasklar oder haben Sie Fragen? Christina steht Ihnen gern zu Verfügung. Nehmen Sie jetzt Kontakt mit ihr auf.

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