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Covid-19, Digital

«Der vielbeschworene Schub für die Digitalisierung ist in der Immobilienwirtschaft (vorerst) ausgeblieben.»

Im Interview mit Dr. Joachim Baldegger, Head of Service Unit Future Lab 23.05.2022

Nach bald zwei Jahren Pandemie – was sind die wichtigsten Erkenntnisse in der Forschung und Entwicklung?

Der vielbeschworene Schub für die Digitalisierung ist in der Immobilienwirtschaft (vorerst) ausgeblieben. Natürlich mussten sich auch Teile unserer Branche quasi über Nacht auf Homeoffice umstellen und erst die erforderliche IT-Infrastruktur aufbauen. Doch der grosse "Rush" ist bisher nicht feststellbar.

Die Pandemie lässt sich grob in verschiedene Phasen teilen:

  • Notfallbewältigung im Frühling 2020: Teils notfallmässige Anpassung an die neue Situation. Organisation, Prozesse und Infrastruktur mussten teils über Nacht an die neuen Rahmenbedingungen angepasst werden.
  • Vorsichtiges Abwarten und Kundenpflege im Sommer-Herbst 2020: Nach der ersten Krisenreaktion wurden Investitionen in Prozessautomation etc. tendenziell zurückgestellt. Der Kundenkontakt und die Kundenpflege rückten in den Vordergrund.
  • Arrangierung mit der neuen Situation seit Winter 2020: Nachdem die Unternehmen gesehen haben, dass die Gesamtwirtschaft die Pandemie einigermassen rasch wegstecken kann und keine grundlegenden Umstürze in der Immobilienwirtschaft zu erwarten sind, hat sie sich mit den geänderten Rahmenbedingungen arrangiert. 

Wesentliche Auswirkungen sind die gestiegenen Baustoffpreise und Schwierigkeiten mit den Lieferketten. Diese sind auch noch nicht behoben.

Wo liegen die dringlichsten Herausforderungen, denen sich die Bau- und Immobilienbranche zurzeit prioritär stellen muss?

Da gibt es diverse:

  • Nachhaltigkeit (EU Taxonomy, inkl. Kreislaufwirtschaft und verstärkte Kontrolle/Verantwortung über die Lieferketten)
  • Digitale Transformation: Etablierung von Nutzen und Wertschöpfung von virtuellen Real-Estate-Dienstleistungen. Das geht deutlich über Prozessautomatisierung hinaus. Durch den Digital Twin werden digitale Dienstleistungen zusätzlich zu den 'analogen' möglich, die heute noch nicht vorhanden sind.
  • Fachkräftemangel: Wenn der Gebäudepark Schweiz tatsächlich so umgebaut werden soll, wie das mit Hinblick auf Zero Null angestrebt wird, wird die Nachfrage deutlich steigen (energetische Sanierungen, Heizungsersatz, PV-Anlagen etc.). Der bestehende Fachkräftemangel dürfte sich in naher Zukunft noch verstärken.

Wie weit fortgeschritten ist die Branche in Bezug auf dein Fokusthema?

Sie bewegt sich... Natürlich könnte es schneller gehen. Aber ich stelle fest, dass  die bestellenden Rollen (Eigentümer:innen und Investoren:innen) die Zeichen der Zeit offenbar auch erkannt haben. In der stark fragmentierten Immobilienwirtschaft bilden sie häufig den gemeinsamen Nenner und halten so viele Fäden in der Hand - sie können also auch überproportional viel bewirken.

Welche Technologien werden in Zukunft relevant?

Da verweise ich gern auf die 12 Technologien aus der neusten DRE-Umfrage. Ich habe trotz Recherche noch keine zusätzliche entdeckt… 

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Was sind die wichtigsten Trends für die nächsten fünf Jahre? Worauf muss die Immobilienwirtschaft besonderes Augenmerk legen? 

Aus meiner Sicht:

  • Nachhaltigkeit (Dekarbonisierung, Kreislaufwirtschaft, Smart Energy)
  • Soziale Veränderungen wie neue Wohnformen, neue Arbeitswelten, neue Eigentumsmodelle etc., aber auch politische Veränderungen: Die Gesellschaft wird auf immer steigende Immobilienpreise und Mieten früher oder später reagieren
  • Cybersecurity, d.h. Schutz der digitalen Daten und Leistungen. Die Sensibilisierung steigt laufend weiter dank negativer Schlagzeilen z.B. beim Impfportal, SwissTransplant und anderen
  • Veränderte Zusammenarbeit und Partnerschaften (kollaboratives Arbeiten, Co-Working, Ecosystems, etc.)
  • Veränderte Beschäftigungsmodelle (Fachkräftemangel, Employer Branding, geringere Halbwertszeit von Wissen)
  • Erschliessung der digitalen/virtuellen Wirtschaft (Digital Twin, Virtual Real Estate im Metaverse). Das mag zwar länger dauern als fünf Jahre, aber die Grundsteine werden heute gelegt.

Alles glasklar oder haben Sie Fragen? Joachim steht Ihnen gern zu Verfügung. Nehmen Sie jetzt Kontakt mit ihm auf.

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