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Trends

Der Blick in die Glaskugel: «Covid-Trends» für die Immobilienwirtschaft

Rebekka Ruppel 19.06.2020

Die Einschätzungen zur Entwicklung der Immobilienbranche Post-Corona stützen sich auf Statistiken, ökonomische Modelle und volkswirtschaftliche Tendenzen, konzentrieren sich also mehrheitlich auf messbare Faktoren wie Zinsentwicklungen, Inflationsrate und Immobilienpreise. Wir folgen hier einem anderen Ansatz und wagen einen Blick in die Glaskugel. Welche Trends dürften sich aufgrund der Coronakrise beschleunigen, verändern oder verstärken?

Unterbrochene Produktions- und Lieferketten, ausbleibende Touristen, der starke Franken, eine expansive Geldpolitik und der prognostizierte Einbruch der globalen Konjunktur – die wirtschaftlichen Auswirkungen der Corona Krise werden uns noch lange Zeit begleiten. Auf gesellschaftlicher Ebene reichen die Prognosen von der totalen Isolation oder dem System-Crash über die Rückbesinnung auf traditionelle Werte und einer Stärkung von lokalen Strukturen bis hin zur schlichten Adaption an stagnierende Verhältnisse.

In welche Richtung auf immer sich die Welt bewegen wird, die Bau- und Immobilienwirtschaft wird sich mit einer Vielfalt neuer Strömungen und Verhaltensveränderungen auseinandersetzen müssen. Klar ist, dass die Branche einen weiteren Schub in Richtung Digitalisierung erfährt – zumindest im Bereich der Zusammenarbeit geht es mittlerweile nicht mehr ums Wollen, sondern schlicht ums Müssen. Aber auch andere Themen gewinnen mit der Coronakrise an Relevanz. Dazu im Folgenden ein paar Ideen und Ansätze.

Gesundheitsschutz wird zum Politikum

Der infektiöse Charakter von Covid-19 steigert das individuelle und kollektive Bewusstsein für Hygiene, aber auch für das Verantwortungsgefühl gegenüber Arbeitnehmenden und Nutzern. Schon vor dem Lockdown haben wir oft gelesen, gesehen und gehört, dass Arbeitgeber sich auf ihre Pflicht berufen, ihr Personal zu schützen und den Gesundheitsschutz gegenüber dem Umsatz priorisiert haben. Es ist zu erwarten, dass die physische Gesundheit in Zukunft verstärkt in den Fokus rückt und möglichweise gar zu einem Politikum wird. Ähnlich wie das Thema Nachhaltigkeit dürfte sich der Gesundheitsschutz zu einem wichtigen Imageaspekt von Arbeitnehmern, aber auch Gebäudeinvestoren und -Eigentümern ausweiten.

In diesem Zusammenhang dürfte dem Infrastruktur- und Betriebsmanagement künftig eine neue Bedeutung zukommen. So werden in Reaktion auf den Ausbruch von SARS in China heute noch Lifte und Pausenräume in Industrieanlagen regelmässig mit Folien abgedeckt und einmal in der Woche desinfiziert. Gut möglich ist auch der verstärke Einsatz von Robotik Anwendungen zur Unterstützung bei der Reinigung oder Desinfektion öffentlicher Räume, von Bürogebäuden, Einkaufszentren oder medizinischen Einrichtungen.

Des Weiteren sind Verbesserung der Baustandards in Regionen denkbar, die bisher weniger Wert auf diesbezügliche Regulierungen gelegt haben. So schreibt die South China Morning Post beispielsweise, dass es seit dem Ausbruch des Virus unerlässlich sei, Gebäude nach einem gesicherten Standard mit guten Belüftungs- und Filtersystemen zu erstellen. Auch Gebäudenutzer werden sich zunehmend um solche Vorkehrungen bemühen, um den Beschäftigten einen sicheren und gesunden Arbeitsplatz zu bieten.

Neue Hygienevorgaben können die Technologisierung in Immobilien weiter vorantreiben. So dürfte sich das Internet of Things (IoT) künftig vermehrt mit sanitären und gesundheitsbezogenen Überwachungsmechanismen auseinandersetzen. Möglicherweise fordern öffentliche Bauten künftig Sensoren für Infrarot-Scans, um die Temperatur eintretender Personen zu monitoren oder messen die Konzentration von Kohlendioxid in der Innenraumluft zur Dämmung des allgemeinen Infektionsrisikos.

Zu erwarten sind branchenübergreifende Innovationen und neue Technologien im Bereich von Oberflächen und Materialien. Selbstreinigende Oberflächen wurden bisher vor allem in Krankenhäusern, Laboren oder in der Lebensmittelindustrie eingesetzt. Der amerikanische Schokoladenhersteller Hershey konzentriert sich mit seinem Start-up AIONX seit kurzem aber auf die Baubranche und stellt Klebeabdeckungen her, die mit elektrischem Strom betrieben werden. Sobald die Oberfläche berührt wird, setzt «cleanSurface» Kupfer- und Silberionen frei, die laut Herstellerangaben bis zu 97% der Bakterien, Pilze oder Viren abtöten. Nanoseptic Surface Folien, beruhen auf einem ähnlichen Prinzip, nutzen aber das Umgebungslicht, um Viren unschädlich zu machen.

Physische Distanz als neuer Alltag

Die Pandemie beleuchtet die Herausforderung der Urbanisierung und den damit verbundenen Platzmangel in neuem Licht. Einerseits verstärkt die Quarantäne bestehende Risikofaktoren und der Platzmangel verschärft zusätzlich persönliche Spannungen. Andererseits ist physische Distanz die wirkungsvollste Massnahme gegen eine Ansteckung. So wird die Beziehung zwischen Dichtstress und gesunden Lebensräumen künftig sicherlich vermehrt in Frage gestellt. Dadurch entstehen gänzlich neue Anforderung an die Raumplanung.

Mit Blick auf die Quadratmeter pro Person schlägt der amerikanische Stadtsoziologe Richard Sennett beispielsweise vor, künftige Städte im Sinn eines Akkordeons zu entwerfen, sodass sich die Einwohner bei Bedarf physisch ausbreiten oder zurückziehen können. Die Initiative des Quartiervereins Hochwacht in Luzern zeugt vom Bedürfnis einer solchen Flexibilität. Anfangs Mai wandten sich die Initianten an den Stadtrat mit der Bitte, den Löwenplatz temporäre umzunutzen. Seit Ausbruch der Krise stehen dort keine Cars mehr und so bieten sich grossflächige Möglichkeiten, den Platz zum Quartiertreffpunkt umzufunktionieren. Auch die Gastronomie vermeldet vielerorts Anspruch auf mehr Platz für die Bestuhlung im Freien.

Auch die Flächennutzung innerhalb von Gebäuden wird sich nach Covid-19 verändern. Es ist denkbar, dass ein architektonischer Shift von der wirtschaftlichen Effizienzmaximierung hin zur humanitären Sicherheitsmaximierung einsetzt. Heute gängige Modelle wie das Grossraumbüro und Remote-Desk-Lösungen würden damit in Frage gestellt. Dafür dürfte Balkonen und Terrassen künftig wieder mehr Platz eingeräumt werden. In Zeiten der Selbst-Isolation wurde deutlich, wie wichtig sie für das Wohlbefinden von vielen Menschen sind.

Aus Schrecken wird Aufbruch

Die Coronakrise zeigt, dass wir gut darin sind, Krisen zu bewältigen. Sie beweist aber auch, dass Innovation, Agilität und Kreativität dann am stärksten befeuert werden, wenn wir unsere Komfortzone gezwungenermassen verlassen müssen. Not macht erfinderisch, wie sich jetzt wieder deutlich zeigt: Parfumproduzenten stellen Desinfektionsmittel her, Automobilhersteller produzieren Beatmungsgeräte, Textilunternehmen rüsten auf die Herstellung von Schutzmasken um. Bleibt zu hoffen, dass sich die Bau- und Immobilienwirtschaft die Zeichen der Zeit erkennt und Entwicklungen stetig vorwärtstreibt.

Schliesslich sind uns trotz der zu erwartenden Veränderungen keinesfalls die Hände gebunden. Krisen sind immer auch eine Chance, ausgetretene Pfade zu verlassen und neue Wege zu beschreiten. «Krisen, insbesondere Epidemien, haben oft paradoxale Wirkungen – aus Schrecken kann Aufbruch werden, aus Angst Konstruktivität», schreibt das deutsche Zukunftsinstitut dazu und verweist auf eine mentale Recodierung der Gesellschaft. Die Hotellerie hat das bereits kurz nach der Schliessung der Grenzen unter Beweis gestellt, als sie kurzfristig umdisponierte und ihre Räumlichkeiten gestrandeten Mietenden zur günstigen Zwischennutzung angeboten hat. Nun liegt es an allen Branchenakteuren, Trends aufmerksam zu verfolgen, sich neue Konzepte zu überlegen und so die Zukunft aktiv mitzugestalten.