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Digital, Trends

Der Digital Real Estate Summit 2020 im Rückblick

Isabel Gehrer und Heinz Schwyter 13.03.2020

Der 6. Digital Real Estate Summit fand am 2. März 2020 wie gewohnt im Campussaal der Fachhochschule Nordwestschweiz in Brugg statt, allerdings mit weniger Teilnehmenden und mehr Sicherheitsvorkehrungen als gewohnt - das Coronavirus warf seinen langen Schatten voraus. Veranstalter und Sponsoren wichen auf die virtuelle Teilnahmen per Livestream aus und präsentierten sich vor gelichteten Reihen, die Social Distancing ermöglichten. Für alle, die Zuhause geblieben sind, haben wir hier einen Auszug mit relevanten Insights zur bewilligten Tagung.

Mehr Informationen zum Pre-Event finden Sie in unserem Beitrag zu FIRE2020

Peter Staub, Gastgeber und CEO der pom+Consulting AG, eröffnet den Summit mit einer Beobachtung zur Diskrepanzen zwischen der Vision und Realität digitaler Lösungen, indem er die Versprechen von UBER, Facebook und Airbnb analysiert. Statt Verkehrsentlastungen sorgt der digitale Fahrservice für mehr Staus in den Metropolen, statt der beabsichtigen «Verbrüderung resp. Verschwesterung» hat Facebook den Begriff Shitstorm wie kaum eine andere Plattform geprägt und aus der ersehnten «living local experience» von Airbnb resultiert ein Preisanstieg auf vielen Wohnmärkten. «Der Weg ist digitale Paradies ist weit», fasst Staub fest.

Doch auf der Stelle zu treten kann sich niemand mehr leisten. Vor der Kür muss nun die Pflicht erfolgen – plattformbasierte Geschäftsmodelle müssen aufgebaut und eingeführt, die Datenlage endlich bereinigt und der Fokus auf die Kundeninteraktion gelegt werden, verlangt er. 

Zweckentfremdung der Immobilie
Sei Nachredner pflichtet ihm bei und das wortgewaltig und kompromisslos. Christoph Keese, CEO der Axel Springer hy GmbH, outet sich als Branchenfremder, aber dafür als Experte für Digitalisierung. «Das Gebäude an sich verschwindet nicht aufgrund der digitalen Transformation. Aber sein Anteil an der Wertschöpfungskette wird sinken», sagt der bekannte Autor und führt als Begründung den Markteintritt von branchenfremden Ideen und Akteuren an, sie sich einen Teil des Immobilienkuchen abschneiden wollen und werden. Als Beispiel führt er Smartphones an. Schon lange geht es bei diesen Geräten nicht mehr nur ums Telefonieren und Kommunizieren. Heute ist die Kamera das wichtigste Feature. Fotokamerahersteller haben das Handy schlicht zweckentfremdet, als die Nachfrage für ihre eigenen Produkte aufgrund der Markteinführung des iPhones gesunken ist.

«Einen neuen Standard entwickeln»
Das anschliessende Podiumsgespräch mit einer Live-Schaltung nach Berlin zu Jens Müller, COO von BuildingsMinds, erntete viel Beifall und das nicht nur aufgrund der technischen Leistung. Im Gespräch mit Keese und Moderatorin Andrea Leu hält Müller fest: «Daten sind die Basis für eine erfolgreiche Zukunft!» Mit seinem Team entwickelt er derzeit ein plattformbasiertes 360 Grad-Gebäudeverwaltungstool, das als Grundlage für ein digitales Ökosystem dienen soll. «Eine Immobilie ist heute eine Ansammlung von Daten, die unterschiedliche Eigentümer haben – diese bringen wir auf unserer Plattform zusammen», so Müller.

Das Schindler-Startup hat grosse Pläne für die Zukunft der Immobilienwirtschaft. Gemeinsam mit RICS, Microsoft und pom+ wurde die „International Building Performance & Data Initiative“ (#IBPDI) vorgestellt. Die Initiative verfolgt das Ziel, ein umfassendes Datenmodell für die Immobilienwirtschaft zu entwickeln, und zwar basierend auf internationalen, branchenweiten Standards. Ein solches Common Data Model ermöglicht die Anwendung von fortschrittlichen Technologien wie maschinelles Lernen oder künstlicher Intelligenz und eröffnet damit ungekannte Dimensionen für das Management von Objekten und Portfolios.

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Mitarbeitende als Erfolgsgeheimnis
Im zweiten Teil des diesjährigen Summits können die Teilnehmenden wie immer viele Informationen in ausgewählten Parallelsessions abholen. Sehr offen sprechen die beiden Referenten von AWK und Tuwag über den Hype, der Digitalisierungsstrategien gern anhaftet. «An Veranstaltungen werden oftmals Rezepte vorgestellt, die für KMU im Immobilienbereich schlicht nicht brauchbar sind», sagt Philipp Büchi von der AWK Group AG. Thomas Brassel von Tuwag zeigt daraufhin, wie man es machen kann. Tuwag ist eine Immobilienfirma im Kanton Zürich mit 25 Mitarbeitenden. «Zuerst haben wir eine Vision für 2025 entwickelt», sagt er. «Auf dieser Basis beleuchteten wir die Unternehmensstrategie, die Anspruchsgruppen, die Prozesse und die Technologie.»

So wurden aus acht strategischen Stossrichtungen 27 Themen herausgeschält und davon 12 in eine Umsetzungsmatrix übernommen. Die Top 5 wurden nach dem erwarteten Ertrag, der Relevanz und dem zeitlichen Aufwand bewertet. «Gestartet sind wir 2018», sagt Brassel. «Einiges ist schon angestossen und einiges ist bereits umgesetzt worden. Bei einzelnen Themen müssen wir aber noch auf die angekündigten Lösungen von ERP-Anbietern warten.» Was sei das Erfolgsgeheimnis, fragt ein Teilnehmer im Publikum. Das Duo ist sich einig: Entscheidungen fällt letztendlich zwar der Leitungsausschuss. Aber die Mitarbeitenden müssen in jeder Phase involviert sein.

«Coopetition» im Bereich Kaufen und Wohnen
David Brodbeck von der Garaio REM AG und Andreas Brülhart von der Mobiliar geben einen Einblick ins Ökosystem Kaufen/Wohnen. Ökosysteme sind eine relativ neue Form von integrierten Angeboten, um mehr Kundennutzen zu schaffen. Rasch taucht die Frage auf, weshalb sich die Mobiliar mit diesem Thema befasse. «Die Mobiliar leidet unter dem gleichen Phänomen wie das von Christoph Keese beschriebene Smartphone: Dritte attackieren die Versicherer in unserem Kerngeschäft», erklärt Brülhart. Jüngstes Beispiel ist IKEA. Der schwedische Konzern hat angekündigt, künftig auch Versicherungen anbieten zu wollen.

Innerhalb eines Ökosystems entwickeln sich neue Spielregeln. Man spricht auch von Coopetition, d.h. zusammenarbeiten und sich gleichzeitig konkurrenzieren. Laut David Brodbeck sollen sich in einem ersten Schritt die «Klassenbesten» vernetzen, allerdings im Bewusstsein, dass sich einzelne Themen kaum von einzelnen Unternehmen belegen lassen. Der Sinn eines Ökosystems ist schliessend, dass mehrere Anbieter Lösungen für ein spezifisches Problem haben und diese vernetzen. «Es gilt, die Lösungen auf einer Plattform zu integrieren, sodass sie jederzeit leicht ausgetauscht werden können», erklärt Brodbeck mit Verweis auf das neue Mieterportal aroov. Hier soll der gesamte Mietzyklus ganzheitlich abgebildet werden. Die Referenten sind sich einig: Nur im Verbund werden wir überleben, für Monopolisten wird es in Zukunft eng.

Vier Einflüsse auf das zukünftige Wohnen
Auch Ivo Bracher von bonainvest beschäftigt sich ausführlich mit dem Thema «Wohnen», vor allem unter dem Gesichtspunkt der Demografie. Die Megatrends im Wohnbereich zeigt er bildlich am Beispiel der Spitex in Biberist auf: Diese Organisation leistet laufend mehr Pflegestunden, obwohl die Bevölkerung nur schwach zunimmt. Künftige Veränderungen in der Art und Weise wie wir wohnen entstehen durch die folgenden vier Megatrends:

  • Individualität (es gibt immer mehr Einzelpersonen-Haushalte)
  • Konnektivität (das Smartphone deckt immer mehr Bereiche ab)
  • Neo-Ökologie (sorgsamer Umgang mit Energie, vor allem in Bestandesbauten)
  • Mobilität (wir sind multimobil und damit überall irgendwie Zuhause)

Das Ökosystem Smart Living hat Bracher mit bonainvest und bonacasa erfolgreich umgesetzt. Sie arbeiten mit 19 Partnern zusammen. Gemeinsam wollen sie das Lebensumfeld der Bewohner in ihren Immobilien verbessern. «Dabei ist für mich zentral, dass Vernetzung sozial und digital erfolgen muss», so Bracher. So werden denn auch gewisse Dienstleistungen in den Überbauungen von bonacasa von Mitarbeitenden vor Ort erbracht. Die Zusatzkosten für ein Smart Home belaufen sich auf rund 10'000 Franken bei einem Neubau, bei Bestandesliegenschaften liegen diese Kosten etwa 40 % höher.

Sicherheit, Sicherheit, Sicherheit
Branchenkenner sind sich der drei berüchtigten «L» im Immobilienbusiness bestens bewusst: Lage, Lage, Lage! Im Hinblick auf die Digitalisierung der Branche bringt Adrian Perrig vom Institut für Informationssicherheit der ETH Zürich nach den Parellelsessions mit «S» eine neue Dimension ins Gespräch: «Wenn wir von Digital Real Estate sprechen, ist das Internet zentral. Und damit muss zwingend auch die Sicherheit in den Fokus rücken», so der Professor. «Unter den gegebenen Umständen ist das nicht möglich. Darum entwickeln wir ein neues Internet!»

Ein Blick ins Publikum zeigt ungläubiges Interesse. Davon lässt sich Perrig nicht beirren: «Das Internet ist nicht als Hochsicherheitsnetz konzipiert. Sicherheitsverbesserungen zielen in erster Linie auf spezifische Angriffe ab, lösen aber nicht die grundlegenden Probleme und führen oft neue, unerwünschte Folgen ein.» Mit SCION entwickelt er eine eigene Lösung, made in Switzerland. SCION sei die erste saubere Internet-Architektur, die Routenkontrolle, Fehlerisolierung und explizite Vertrauensinformationen für die End-to-End-Kommunikation biete, erzählt er begeistert. Der Prototyp wird seit zwei Jahren eingesetzt. 2020 will Perrig ein SION-Netz zwischen allen Universitäten und Forschungsanstalten der Schweiz aufbauen.

Mit vielen Worten nichts sagen
Zu guter Letzt betritt «Dr. Maja Hartmann» vom Eidgenössischen Departement für Umwelt, Verkehr, Energie und Kommunikation den Saal. Sie beweist, dass man mit vielen Worten nichts sagen kann und damit hervorragend ankommt – das Publikum schüttelt sich vor Lachen ob der humoristischen Einlage. Am Ende ihrer Keynote «Vertikales Bauen in der Zeitachse» fragt die Dame ans Publikum gewandt, warum das Bundeshaus in Bern eine Kuppel hätte. Und beantwortet die Frage mit einer Gegenfrage gleich selbst, während sie beginnt, einen Turm aus Holzschemeln auf der Bühne aufzustellen: «Haben Sie etwa schon einmal einen Zirkus mit Flachdach gesehen?»