Zurück

Die Gemeinden kümmern sich gut um ihre Infrastrukturen – zu gut?

Simon Caspar, Fabrice Bachmann und Anja Herlyn 24.06.2019

Der Inframonitor, das Führungscockpit für den Betrieb und Unterhalt von Gemeindestrassen sowie der kommunalen Wasserver- und Abwasserentsorgung, ging 2018 in die zweite Runde. Die Resultate zeigen: Die Infrastrukturen sind dank eines hohen Aufwands der Werkeigentümer insgesamt in einem guten Zustand.

Der Inframonitor umfasst heute die Daten von kommunalen Infrastrukturen aus 61 Schweizer Gemeinden mit einem totalen Wiederbeschaffungswert gut 11 Milliarden Franken. Im Durchschnitt kümmert sich eine Gemeinde um Infrastrukturen im Wert von einigen 100 Millionen Franken. Um ein solch grosses Portfolio faktenbasiert steuern zu können, bedarf es einer übersichtlichen, leicht verständlichen Darstellung der betriebswirtschaftlichen und operativen Kennwerte. Dafür wurde der Inframonitor von der ETH Zürich konzipiert und anschliessend von den Beratungsunternehmen pom+Consulting AG, SWR Infra AG und WIF Partner AG weiterentwickelt.

Er liefert den Gemeinden ein interaktives Cockpit mit der Möglichkeit, sich mit strukturell ähnlichen Gemeinden oder mit Vorjahreszahlen zu vergleichen. Dazu werden Daten zu Gemeindestrassen, Wasserversorgung und Abwasserentsorgung abgefragt, erhoben, geprüft und ausgewertet. Das Datenmodell wurde vom FM Monitor abgeleitet, einem Tool für das Kosten- und Flächenbenchmarking, das in Ergänzung zum Inframonitor ein Controllinginstrument darstellt. Es erlaubt den Usern, die Flächen- und Betriebskosten von Immobilien auszuwerten und einem auf das eigene Portfolio zugeschnittenen Benchmark gegenüberzustellen. Der Vergleich bringt Erkenntnisse, welche die Grundlagen legen für ein professionalisiertes Facility Management, für Energiekostenreduktionen oder für die Verbesserung von Verrechnungspraktiken.

Die Versorgung aller Einwohnerinnen und Einwohner muss stets gewährleistet sein. In Kombination mit gesetzlichen und regulatorischen Bestimmungen bildet dieser Anspruch die wesentliche Leistungsvorgabe an die kommunalen Infrastrukturen. Die Resultate des Inframonitors zeigen auf, dass sämtliche teilnehmenden Gemeinden dieses Leistungsziel erreichen. Ein vielfältiges Normen- und Regelwerk hilft dabei. Die Schweizer Tugenden der Zuverlässigkeit und Pflichterfüllung sind erkennbar, beispielsweise am Zustandsspiegel.

Minimalziel deutlich übertroffen

Mit dem Zustandsspiegel über alle vier Werke erhält die Gemeinde eine Diskussionsgrundlage für ihre Entscheide auf politisch-strategischer Ebene: Reicht es, wenn die Infrastrukturen funktionieren, oder soll ein höheres Leistungslevel angestrebt werden? Der Vergleich mit dem Datenpool hilft, solche Entscheide zu treffen. Eine überwältigende Mehrheit der bisher beurteilten Infrastrukturen weisen den Zustand «gut» oder «mittel» auf, das minimale Leistungsziel «ausreichend» wird in der Regel also deutlich übertroffen. Eine solche Performance wirft die Frage auf, welche Zustandsverteilung eine wirtschaftliche Erhaltung unserer Infrastrukturen gewährleistet, ob es sich dabei um eine Übererfüllung oder um eine bewusste Erhaltungsstrategie handelt. Ausserdem stellt sich die Frage, inwiefern ein effizienter Mitteleinsatz gewährleistet ist.

Das angestrebte Leistungsziel oder der Infrastrukturstandard muss in den entsprechenden Gremien und Kommissionen diskutiert und verabschiedet werden. Eine Verknüpfung der Ziele mit den dafür erforderlichen Kosten hilft, fundierte Vorgaben abzuleiten. Eine generationengerechte Werterhaltung ist bereits heute mit gezielten Investitionen verbunden und darf nicht auf morgen verschoben werden. Der Inframonitor unterstützt Gemeinden dabei, die eigenen Leistungen einzukreisen und Hinweise zu erhalten, ob diese im Vergleich zu ähnlichen Gemeinden nachvollziehbar sind. In einem zweiten Schritt können dann operative Massnahmen geplant werden: Wann lohnt sich eine Verstärkung von Inspektionen und kleinen Instandhaltungsarbeiten? Sollen Arbeiten ausgelagert werden? Wo können Qualitätsansprüche minimiert und Ressourcen gewinnbringender eingesetzt werden? Solche wichtigen und komplexen Entscheidungen müssen fakten- oder eben zahlenbasiert getroffen werden.

Eine weitere Erkenntnis des Inframonitors ist, dass die dazu notwendigen Schlüsselindikatoren zu Betrieb und Unterhalt sowie zu Aufwand und Ertrag bei Beginn der Erhebungen selten vollständig vorliegen. Die Schweizer Tugend der Genauigkeit kann der Inframonitor in diesem Bereich nicht bestätigen. Hier hat der Inframonitor bei einigen Gemeinden einen Beitrag leisten können, Schlüsselindikatoren zu definieren, die grossen Datenmengen zu ordnen und Kennzahlen für weitere Entscheidungen bereitzustellen.

Die richtigen Mittel am richtigen Ort

Während der Erhebung der Kennzahlen zum Inframonitor wurde deutlich, dass die Gemeinden mit zunehmendem Spardruck und einer hohen Auslastung der Mitarbeitenden konfrontiert sind. In diesem anspruchsvollen Umfeld stellt sich mehr denn je die Frage nach einem effizienten Mitteleinsatz beim Unterhalt der Gemeindeinfrastruktur. Genau hier setzt der Inframonitor mit Kennzahlen des betrieblichen Unterhalts an. «Der Inframonitor ermöglicht uns eine Standortbestimmung im Vergleich mit anderen Gemeinden in der Schweiz. Dadurch haben wir ein Instrument, um unsere Dienstleistungen zu optimieren, so dass wir diese bürgergerecht und kostengünstig erbringen können», sagt beispielsweise Ueli Hofer, Leiter Bau und Energie in der Gemeinde Pieterlen BE.

Artikel Baublatt, Ausgabe 24, 2019