Zurück

Sustainability

»Holzbau steht für eine Wende hin zu klimagerechtem und nachhaltigem Bauen«

Experteninterview mit Michaela ­Lambertz, Benedikt Scholler und Lorenz Nagel 16.11.2022

Holzbau ist politisch. Deshalb setzt sich die »Koalition für Holzbau« politisch für das nachhaltige Bauen mit Holz ein. Die Ini­tiative lebt vom Engagement der teilnehmenden Experten. Die sogenannten Ambassadeure beweisen mit ihrem Wissen, dass ­Bauen mit Holz schon heute flächendeckend umsetzbar ist. Bauen+ sprach mit den Ambassadeuren Professorin Michaela ­Lambertz, Benedikt Scholler und Lorenz Nagel.

Bauen+: Was hat euch persönlich motiviert, euch bei der Koalition für Holzbau zu engagieren und eure Erfahrungen und euer Wissen für die Weiterentwicklung des Holzbaus in Deutschland ehrenamtlich einzubringen?
Lorenz Nagel: Der Holzbau kann meiner Meinung nach eine wirklich wichtige Rolle bei der Bauwende spielen. Trotzdem hat er in der Bau- und Immobilienwirtschaft immer noch eine absolute Nebenrolle inne. Dieses Nischendasein zu beenden und anhand meiner positiven Erfahrungen mit dem Holzbau die nachhaltige Transformation der Immobilienwirtschaft voranzutreiben, waren die größten Beweggründe für mein Engagement bei der Koalition für Holzbau.
Michaela Lambertz: Mein Engagement in der Koalition für Holzbau entstand aus der Erkenntnis, dass der Einsatz der »richtigen« Baustoffe immer dringender und größer wird. Ressourcenschonung, auch im Sinne von Kreislauffähigkeit, und insbesondere Klimaschutz fordern ein Umdenken hinsichtlich der Bauweise und in diesem Zusammenhang eine Anpassung von Regularien, Förderbedingungen und von Aus- und Weiterbildung von Fachkräften. In der Koalition für Holzbau können wir mit Fachwissen und Engagement ganzheitlich Politik und im weitesten Sinne Gesellschaft beraten und zum Umdenken bewegen.
Benedikt Scholler: Über Holzbau wird viel gesprochen, bei Projekten wird er jedoch meist nicht umgesetzt. Der Grund sind gesetzliche Hürden, fehlende Förderungen und vorherrschende Mythen. Dies wollen wir ändern. Wir Ambassadeure sehen im Holzbau eine Lösung, wie nachwachsende Rohstoffe beim zirkulären und nachhaltigen Bauen eingesetzt werden können. Dazu haben wir integrale und fachübergreifende Akteure gesucht, denen der Holzbau wichtig ist. Den Start haben die Ambassadeure gemacht. Die Partnerunternehmen sind gefolgt. Zusammen ist daraus die Koalition für Holzbau entstanden.

Bauen+: »Holzbau ist politisch«, ist eine der Kernaussagen der Koalition für Holzbau. Welche Möglichkeiten seht ihr für eine solche ehrenamtliche Initiative, diesen Anspruch angesichts der vielen verschiedenen politischen Akteure im Bund und in den Ländern umzusetzen?
Benedikt Scholler: Am Ende wollen alle diese Akteure das Gleiche: eine Wende hin zu einem klimagerechten und nachhaltigen Bauen. Der Holzbau steht dabei exemplarisch für eine Lösung mit wiederverwendbaren oder nachwachsenden Baustoffen. Der CO2-Ausstoß beim Bauen kann damit kontinuierlich reduziert werden. Dazu benötigt es den Bilanzierungsrahmen Lebenszyklus, den Abbau von rechtlichen Hürden wie der Musterholzbaurichtlinie und die Förderung der Bauwende. All dies ist politisch, klimaschützend und im Sinne vieler politischer Akteure.
Lorenz Nagel: Ich merke in meiner täglichen Arbeit als Projektentwickler, dass durch Fehlinformation und Mythenbildung dem Holzbau immer wieder Steine in den Weg gelegt werden. Die Politik hat die Möglichkeit, diese Steine aus dem Weg zu räumen und den Holzbau aktiv zu unterstützen. In Skandinavien, Holland, Frankreich und der gesamten Alpenregion passiert das schon, in Deutschland hingegen noch nicht. Die Gründe hierfür sind vielfältig, es liegt aber auch an dem fehlenden Wissen zum Holzbau. Deswegen beginnt die politische Arbeit der Koalition für Holzbau in der fachlichen Aufklärung und geht dann weiter bis zu konkreten politischen Forderungen, die es dem Holzbau ermöglichen, sich in all seinen Stärken zu präsentieren und zu entfalten.
Michaela Lambertz: Der Holzbau bekommt zu wenig Gehör bzw. hat zu wenige organisierte Unterstützer, die mit umfangreicher Lobbyarbeit die Politik beraten. Die Koalition für Holzbau ist deshalb so wichtig. In den wenigen Monaten seit Bestehen der Initiative konnten viele verschiedene Interessensvertreter rund um den Holzbau eingebunden und zahlreiche relevante Beziehungen zu politischen Akteuren in den unterschiedlichen Funktionen geknüpft werden. Spürbaren Einfluss zu erzielen, ist allerdings »ein dickes Brett«, an dem wir weiterhin bohren werden. 

Bauen+: Bei der Koalition für Holzbau spielen die Ambassadeure aus Wissenschaft, Architektur- und Planungsbüros sowie den Reihen von Projektentwicklern eine wichtige Rolle. Wie sind die Aufgaben dieser Ambassadeure verteilt und wie funktioniert ihre Zusammenarbeit?
Michaela Lambertz: Ja, tatsächlich hat diese vielschichtige Zusammensetzung der Ambassadeure einen großen Reiz und macht die besondere Qualität der Initiative aus. Die Themen werden so sehr differenziert betrachtet. Die Ambassadeure sind bewusst so zusammengestellt, dass es unterschiedliche Blickwinkel und Expertisen gibt. Wir sind damit in der Lage, die verschiedenen Facetten und Fragestellungen ganzheitlich zu beleuchten. Je nach Kompetenz werden unterschiedliche Aufgaben wahrgenommen. Die Zusammenarbeit wird schwerpunktmäßig in regelmäßig stattfindenden, gemeinsamen Jour-Fixe-Terminen besprochen. Zu den Aufgaben gehören beispielsweise die Erstellung von Faktenpapieren und die Wahrnehmung von Gesprächsrunden mit politischen Akteuren.
Benedikt Scholler: Jeder Ambassadeur steht aufgrund seiner Expertise und seiner fachlichen Erfahrung für einen anderen Schwerpunkt in der Wertschöpfungskette des Holzbaus. Dies ist die Stärke der Vielfalt bei den Ambassadeuren. Das gegenseitige Lernen zu Themen wie Holzwirtschaft, Brandschutz, GEG1, Modulbau etc. stärkt die Argumente für den Holzbau in der Gesamtheit aber auch in der Einzeldisziplin. Zu den regelmäßigen Treffen und Veranstaltungen kommen ein monatlicher Newsletter und die öffentliche Kommentierung politischer Vorhaben. Die interdisziplinäre Zusammenarbeit auch mit den Partnerunternehmen und das Verständnis für die verschieden fachlichen Sichtweisen ermöglicht integrale Lösungsvorschläge und schließt Argumentationsketten zur Stärkung des Holzbaus.
Lorenz Nagel: Ich glaube, die größte Stärke der Koalition für Holzbau liegt tatsächlich in der Breite des Know-hows der Ambassadeure. Weil jedes Thema aus den jeweilig unterschiedlichen Blickwinkeln beleuchtet wird, gelangen wir automatisch zu einer ganzheitlichen Betrachtung der großen Themen innerhalb des Holzbau-Kosmos. In der Koalition trifft Praxis auf Wissenschaft, Erfahrung auf Innovation. Dadurch ist es uns möglich sowohl in der Politik als auch in der Wirtschaft die richtigen Impulse für den guten Holzbau zu setzen. Für mich persönlich sind die unterschiedlichen Hintergründe der Ambassadeure in der Koalition vor allem eine große Inspirationsquelle und damit eine große Unterstützung bei meiner täglichen Arbeit.

Bauen+: Alle reden über die Holzbauweise im Wohnungsund Gewerbebau, aber Holzbau führt immer noch ein Nischendasein im Baubereich: Es fehlt an den gesetzlichen Rahmenbedingungen, es gibt zu wenig Fördermittel, der Brandschutz wird zum Hindernis erklärt. Wie wollt ihr die Vorteile der Holzbauweise für die breite Öffentlichkeit sichtbar und erlebbar machen?
Lorenz Nagel: Meiner Meinung nach ist es wichtig, dass wir anhand unserer unterschiedlichen praktischen Erfahrungen zeigen, wie ein ordentlicher Holzbau umsetzbar ist. Wir beweisen so, dass unsere politischen Forderungen in der Praxis umsetzbar sind und die vielen Hindernisse eigentlich keine Berechtigung haben. Ich glaube, dass wir so der Immobilienwirtschaft die Berührungsängste nehmen können und gleichzeitig unsere Forderungen gegenüber der Politik plausibilisieren.
Michaela Lambertz: Das beste Argument für den Holzbau: Gebäude in Holzbauweise bauen. Reale Gebäude machen die Möglichkeiten und Vorteile der Holzbauweise erlebbar und reduzieren die Vorbehalte. Die Projektentwickler unter den Ambassadeuren machen genau das. Darüber hinaus leisten wir Aufklärungsarbeit und erarbeiten konkrete Empfehlungen für die Weiterentwicklung von gesetzlichen Rahmenbedingungen und zeigen geeignete Förderinstrumente auf. Diese gilt es über die verschiedenen Kanäle nachvollziehbar, transparent und sichtbar zu machen und mit den relevanten Akteuren zu diskutieren (Soziale Medien, Kongresse, Diskussionsrunden,…).
Benedikt Scholler: Genau, durch gebaute Projekte, die politische Unterstützung des Holzbaus, bessere gesetzliche Rahmenbedingungen und sinnvolle Förderungen. Auch die Aufklärung zur Geschichte des Holzbaus hilft. Nur dadurch kommt der Holzbau in die Breite. Das Erlebnis überzeugt. Internationale und auch nationale Beispiele zeigen die Vielfalt des Holzbaus. Der Holzbauatlas Berlin-Brandenburg2 zeugt davon, was schon in der Hauptstadtregion gebaut worden ist. Die Partnerunternehmen der Koalition zeigen mit ihren Erfahrungen, Projekten und Produktionen ebenfalls, wie Holzbau umgesetzt und erlebbar gemacht wird. Die Kommunikation der gebauten Realität gepaart mit Innovationen und Optimierungen im Holzbau machen diese Bauweise sichtbar.

Das Interview führte Reinhard Eberl-Pacan, leitender Redakteur der Bauen+. Er ist selbst Ambassadeur in der Initative »Koalition für Holzbau«.

Das Interview wurde zum ersten mal in der September Ausgabe von Bauen+ veröffentlicht.