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Trends

Neue Wohnformen im Trend: Luftschloss oder Realität?

Christina Annen 09.11.2022

Einzigartig, personalisiert, subjektiv. Individualisierung prägt als Megatrend unsere gesamte Lebens- und Schaffenswelt. Das beeinflusst auch die Art und Weise, wie wir wohnen – heisst es zumindest immer. Die Resultate der Digital Real Estate Studie 2022 von pom+ zeigen jedoch, dass die Bedeutung neuer Wohnformen für die Immobilienwirtschaft bisher gering ausfällt. 

Die Individualisierung der Gesellschaft zeigt sich an der Freiheit, das für sich passende zu wählen. Ob Lebenskonzept, Karrierepfad oder Weltanschauung, der Standard hat ausgedient. Das hat erhebliche Auswirkungen darauf, wie wir zusammenleben – und zusammenwohnen. Immer mehr Lebensstile weichen in Bezug auf die Haushaltsbildung von der klassischen Paar- oder Familienstruktur ab und erfordern eine neue Art des Wohnens. Dazu gehören neben (grossen) Wohngemeinschaften auch Ansätze des Cluster- und Mikro-Wohnens, in denen Personen eigene Kleinwohnungen bewohnen, aber bestimmte Räumlichkeiten und Infrastrukturen teilen, ohne miteinander verwandt zu sein oder in einer Paarbeziehung zu leben. 

Die neuen Wohnformen halten sich seit Jahren hartnäckig im Gespräch. Zu Recht? Die diesjährige Ausgabe der Digital Real Estate Umfrage von pom+ lässt jedenfalls nicht darauf schliessen, dass sich die Immobilienbranche auf einen unmittelbaren Wandel vorbereitet. Die rund 200 befragten Führungs- und Fachkräften attestieren neuen Wohnformen mit 1,46 Punkten zwar durchaus eine mittelgrosse Auswirkung auf die Branche, aber fast durchgehend einen geringen Einfluss auf die eigene Tätigkeit. Einzig in den Bereichen Planung und Property Management spüren die Befragten heute schon Veränderungen. Immerhin 17 Prozent der Befragten geben an, dass sie bereits auf den Trend reagieren, während über die Hälfte der Befragten (56 %) erst in drei bis fünf oder gar mehr Jahren eine breite Reaktion im Markt erwartet. 


Einschätzungen der Expertin 

  • Die Ergebnisse zum Thema erstaunen nicht. Laut Bundesamt für Statistik hat sich die durchschnittliche Anzahl Personen pro Schweizer Privathaushalt von den 30er- bis in die 90er-Jahre reduziert. Seither wurde jedoch ein Plateau erreicht, welches die anhaltende Individualisierung noch immer abbildet, die wohnräumlichen Strukturen jedoch merklich weniger tangiert. 
  • Dabei gilt es zu bedenken, dass «neue Wohnformen» kein klar umrissener Begriff ist, der sich zudem stetig wandelt. Der gemeinsame Nenner der neuen Wohnformen ist das gemeinschaftliche Zusammenleben in grösseren, sozio-kulturell heterogenen Gruppen. Mit dem Renteneintritt der Baby Boomer gehört zum Beispiel auch das Alterswohnen dazu. Auch sorgt die Zunahme der Mobilität für immer mehr Serviced Apartments, die eine Fokusverschiebung von Grundrissüberlegungen zur Bewirtschaftung erfordern. In der Schweiz dürften die eigenen vier Wände vorerst die gesellschaftliche Norm bleiben– insofern besteht von Seiten Bauherrschaft oder institutionellen Anleger:innen kein akuter Handlungsbedarf. 
  • Cluster-, Mikro- und Hallenwohnen bleiben aus bautreuhänderischer Sicht vorerst eine wenig skalierbare Randerscheinung. Die damit zusammenhängenden Veränderungen beschränken sich vorerst auf Bewirtschaftungs- und Finanzierungskonzepte, die sich anpassen: Die zunehmende Digitalisierung und der einhergehende Produktivitätsschub machen flexible, kurzlebige Wohnkonstellationen allmählich planbar und wirtschaftlicher. 
  • Die Individualisierung ist zudem nicht die einzige Entwicklung, die Auswirkungen auf neue Wohnformen hat. Auch die Akademisierung und die zunehmende, internationale Mobilität haben einen Einfluss auf Bewirtschaftungskonzepte und digitale Lösungen für flexible Wohnformen mit hoher Mieterfluktuation. Die Bauherrentreuhand wird sich, neben dem weiterhin starken, sub-urbanen Wohnungsbau, vermehrt mit der Beratung in den Bereichen Facility Management bzw. Bewirtschaftung und Digitalisierung auseinandersetzen müssen. 
  • Den zeitlichen Impact erachte ich als realistisch. Die Baubranche tastet sich bei Trends jeweils vorsichtig voran; Regulatorien, makroökonomische Einflüsse und der lange Anlagehorizont von Immobilien erlauben kaum kurzfristige Richtungskorrekturen. Zudem bestehen noch kaum spezifische Erhebungen zur Verbreitung von neuen Wohnformen in der Schweiz. Die zaghafte „Mittelfristigkeit“ bei der Relevanz neuer Wohnformen ist Ausdruck davon, dass die Veränderung zwar registriert wird, konkrete Erkenntnisse und entsprechende Umsetzungen jedoch noch in den Startlöchern stecken, bis Pioniere die Nachfrage verifizieren und die Umsetzbarkeit, Skalierbarkeit und nicht zuletzt Wirtschaftlichkeit beweisen. 
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Über die Studie

Die Digital Real Estate Umfrage erhebt seit 2016 jährlich den Stand der digitalen Transformation der Bau- und Immobilienwirtschaft in der Schweiz und seit 2019 auch für Deutschland. Das Whitepaper präsentiert die Ist-Situation in den beiden Ländern basierend auf den Einschätzungen von verschiedenen Führungs- und Fachkräften aus der Branche und wird durch das Expertenwissen von Beraterinnern und Berater der pom+Consulting AG ergänzt. 

Die Studie kann kostenlos heruntergeladen werden. 

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