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Trends, Digital

Trend Kreislaufwirtschaft: Systemwechsel mit Zukunftsgarantie

Benedikt Scholler 28.04.2022

Rohstoffengpässe und globalisierte Lieferketten rücken die Kreislaufwirtschaft (engl. Circular Economy) vermehrt ins Scheinwerferlicht. Als stark fragmentierte Branche mit einem hohen Materialverschleiss ist die Bau- und Immobilienwirtschaft besonders gefordert, ihre heutigen Prozesse umzudenken. Die Digital Real Estate Studie 2022 von pom+ zeichnet jedoch ein durchzogenes Bild.

Der Klimawandel ist schon längst da und als bedeutende CO2-Emittentin ist die Bau- und Immobilienbranche ist im Besonderen gefordert, ihr Tun zum Wohle aller zu überdenken – und das schnell. Damit baldmöglichst effektive Resultate erzielt werden, sind neue (Gedanken)Modelle, der Umbau bestehender Strukturen und insbesondere eine integrale Denkweise gefragt, die die komplette Wertschöpfungskette einschliesst. Mit anderen Worten: Es ist Zeit für eine zirkuläre Sichtweise. Zirkularität gründet auf dem Prinzip der wiederkehrenden Verwendung von endlichen Ressourcen durch das Verlangsamen, Verringern und Schliessen von Energie- und Materialkreisläufen.

In der kürzlich veröffentlichten Markstudie von pom+ wurden rund 200 Führungs- und Fachkräften aus der Immobilienwirtschaft zwölf ausgesuchte Trends zur Beurteilung vorgelegt. Analysiert wurden der Einfluss auf die Rolle des eigenen Unternehmens bzw. der eigenen Organisation auf einer Skala von 0 bis 3, die Auswirkungen auf die Bau- und Immobilienwirtschaft und der Zeitpunkt, an dem die Mehrheit der Marktteilnehmenden auf den Trend reagieren wird.

Der gebotenen Eile zum Trotz schätzen viele Befragte den Einfluss der Kreislaufwirtschaft auf das eigene Unternehmen mit 1,64 Punkten als eher gering ein. Bei Planungsbüros und Bauunternehmen rechnen sogar etwas über die Hälfte mit einem geringen Einfluss auf die eigene Tätigkeit. Konträr dazu werden die Auswirkungen auf die Branche von allen befragten Rollen als gewichtig anerkannt (2,03 Punkte). Ein Drittel der Befragten erwartet, dass die Mehrheit der Marktakteur:innen in drei bis fünf Jahren aktiv auf die Anforderungen der Kreislaufwirtschaft reagieren wird. Knapp 16 % gehen heute davon aus, dass das heute bereits der Fall ist. Die verhältnismässig hohe Anzahl Rückmeldungen (7 %), die keine Angaben zum zeitlichen Impact machen, deutet auf die Komplexität des Themenkreises hin.

Meine Einschätzungen zu den Ergebnissen

Die Ergebnisse erstaunen insbesondere vor dem Hintergrund der zunehmenden Regulierungen. Mit den Themen ESG (Environment, Social, Governance) und EU-Taxonomie steigt der Druck auf Bauherr:innen, «ESG-konforme» Gebäude zu erstellen. Davon sind von Architekt:innen über Planer:innen bis hin zu Handwerker:innen alle betroffen, denn die Vorgaben hinsichtlich Ökobilanz, Schadstofffreiheit oder Klimaresilienz erfordern eine vertiefte Auseinandersetzung mit Materialien und den baulichen Aspekten zur Reduktion von Treibhausgasen.

Langsam setzt hier ein Umdenken ein und die Optimierung des Energieverbrauchs wird nicht als der einzige Weg zur Reduktion der CO2-Emissionen betrachtet. Stattdessen werden Gebäude zunehmend zur Rohstoffbank und damit zur lukrativen Wertanlage. Heute schon lässt sich mit Tools wie Madaster der Rohstoffwert des eigenen Gebäudes ermitteln, vorausgesetzt die eingebauten Materialien und Rohstoffe sind bekannt.

Angesichts der zunehmenden Rohstoffengpässe erhält der Begriff des Renditeobjekts damit eine zusätzliche Bedeutung. Das macht sich auch auf Ebene der Finanzierung bemerkbar: Banken, Investor:innen und Gebäudebesitzer:innen haben ein immer stärkeres Interesse an der Wertsteigerung bzw. -erhaltung ihrer Objekte. Es bleibt abzuwarten, ob sich auf politischer Ebene Anreizsysteme hinsichtlich Gebäudezirkularität durchsetzen, z. B. durch die Förderung des Holzbaus.

Die Kreislaufwirtschaft wird auf allen Ebenen und über alle Lebenszyklusphasen hinweg für neue Prozesse und grossflächige Veränderungen sorgen. Der von den Befragten geschätzte Zeithorizont scheint aber eher optimistisch, zeigt aber auch, dass die Immobilienwirtschaft die Zeichen der Zeit erkannt hat. Viele Marktakteur:innen scheinen vorerst noch abzuwarten und das Feld den First Movern zu überlassen. Das Interesse an den Prinzipien der Circular Economy und neuen Lösungsansätzen wächst aber kontinuierlich. Dies fördert Transparenz, reduziert das Risiko und schafft Zukunftswerte.


Über die Studie

Die Digital Real Estate Umfrage erhebt seit 2016 jährlich den Stand der digitalen Transformation der Bau- und Immobilienwirtschaft in der Schweiz und seit 2019 auch für Deutschland. Das Whitepaper präsentiert die Ist-Situation in den beiden Ländern basierend auf den Einschätzungen von verschiedenen Führungs- und Fachkräften aus der Branche und wird durch das Expertenwissen von Beraterinnern und Berater der pom+Consulting AG ergänzt.

Die Studie kann kostenlos heruntergeladen werden.

Download Studie