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Sustainability, Digital

Warum Nachhaltigkeit ohne Daten eine Illusion bleibt

Rebekka Ruppel 07.09.2020

Der Klimawandel stellt uns global vor grosse Herausforderungen. Der Gebäudesektor nimmt dabei eine zentrale Rolle ein - schliesslich gehen laut dem Bundesamt für Umwelt rund 28% der gesamten Treibhausgasemissionen in Deutschland auf das Konto von Immobilien (in der Schweiz sind es rund 26%). Zentral für den Erfolg künftiger Massnahmen ist ein durchgängiges Datenmanagement und die Erkenntnis, dass Digitalisierung und Nachhaltigkeit Hand in Hand gehen.

Nachhaltigkeit ist das Gebot der Stunde und rückt die Auswirkungen unserer Handlungen auf die Gesellschaft, die Umwelt und die Wirtschaft in den Vordergrund. Das Drei-Säulen-Prinzip der nachhaltigen Entwicklung, gemäss dem sich die drei Aspekte «People, Planet, Profit» bedingen, lässt sich auch auf die Bau- und Immobilienbranche anwenden. So stiftet eine nachhaltige Immobilie per Definition langfristig einen ökologischen, sozialen und ökonomischen Nutzen (1). Die Hebelwirkung der Digitalisierung zeigt sich insbesondere dann, wenn es um die Quantifizierung des Nutzen (oder der Schäden, je nach Betrachtungsweise) gegenüber den eingangs genannten Sphären geht: Um KPIs und Zieldefinitionen einhalten und daraus Massnahmen ableiten zu können, müssen Daten kontinuierlich erfasst, gemessen und interpretiert werden.

Das erste Problem ergibt sich dabei bereits bei der Wahl des Berechnungsansatzes – aktuell besteht kein internationales Regelwerk, wenn es um den Austausch von Daten über den gesamten Immobilienlebenszyklus geht. Die Standardisierung von Datenmodellen dürfte die Bau- und Immobilienwirtschaft in unmittelbarer Zukunft daher stark beschäftigen und den Bestrebungen zu mehr Nachhaltigkeit einen weiteren Schub verleihen. Die zweite Herausforderung ist die bis heute vorherrschende, eindimensionale Betrachtung von Nachhaltigkeit im Gebäudesektor, die sich häufig auf einige Aspekte innerhalb einzelner Lebenszyklusphasen beschränkt.

Dabei ist Nachhaltigkeit ähnlich wie eine Vollkostenrechnung zu betrachten. Rechnen wir nur die Fixkosten ein, erhalten wir zwar eine punktuelle Aussage, erfassen aber nur einen kleinen Teilbereich des ganzen Bildes. Nachhaltigkeit ist daher als Dimension über alle Phasen des Lebenszyklus einer Immobilie hinweg zu betrachten und darf nicht allein in der Nutzungsphase, sondern muss auch bei der Planung und Finanzierung, im Bau und Betrieb sowie bei der Verwertung berücksichtigt werden. Entsprechend müssen verschiedene Aspekte, wie z.B. Embodied Carbon, bereits in frühen Planungsphasen angerechnet, Ziele gesetzt und gemessen und folglich Entwurfs- und Bauentscheidungen darauf ausgerichtet werden. Ein phasenübergreifendes Datenmanagement («Life Cycle Data Management» – LCDM) bildet dabei die Basis für ein durchgängiges Nachhaltigkeitsmanagement.


In Kontext gesetzt: LCDM

Die klare, eindeutige und konkrete Datenbestellung eines Bauherrn über den gesamten Lebenszyklus eines Projektes hat heute nach wie vor Seltenheitswert. Selbst wenn der Teilaspekt BIM richtig bestellt wird, ist häufig niemand in der Lage, die generierten und übergebenen Daten zu prüfen, für sich zu verarbeiten und zu übernehmen. Vereinzelte Ansätze von BIM in das Facility Management (BIM2FM) sind vorhanden, aber auch diese sind nicht phasen- und projektübergreifend mit allen Beteiligten vernetzt. Es werden zwar umfangreiche Anforderungen an die Strukturierung der BIM-Modelle gestellt, jedoch meist nur aus Planer- oder Unternehmersicht, nur in den wenigsten Fällen aber aus Sicht der Nutzungs- und Betriebsphase. Diese Lücke füllt das Life Cycle Data Management, kurz LCDM.

Das projektübergreifende Life Cycle Data Management umfasst alle notwendigen Prozesse, Massnahmen und Verfahren mit dem Ziel, die Strukturierung, Erfassung, Verwaltung und Qualitätssicherung von objektspezifischen Daten über den gesamten Lebenszyklus sicherzustellen und allen beteiligten Rollen stets konsistente, akkurate und aktuelle Daten zur Verfügung zu stellen. Dabei ist LCDM kein einmaliges Ereignis, sondern ein laufender Vorgang über den gesamten Lebenszyklus eines Objektes. BIM wird dabei als Werkzeug zur Datenbeschaffung, –konsolidierung und –speicherung eingesetzt und dient auch der Strukturierung, Kommunikation und Kollaboration.


LCDM am Beispiel von Treibhausgasemissionen

Eine der global angewendeten Wirkungsrechnungen nachhaltiger Bemühungen ist die Quantifizierung von Treibhausgasemissionen. Dabei spielt LCDM insbesondere für Portfoliobesitzer und -manager eine tragende Rolle, indem mittels klarer Vorgaben und Datenstrategien überhaupt erst möglich gemacht wird, jede Liegenschaft und entsprechend über das gesamte Portfolio einheitliche, im Rahmen der für Nachhaltigkeit relevante Daten zu erfassen. Deren laufende Analyse, Interpretation und Dokumentation ermöglicht transparente Entscheidungsprozesse. Nur wenn Schritt-für-Schritt nachvollziehbar ist, woher welche Daten in welcher Qualität stammen, wie diese zusammenwirken und wann und aus welchem Grund welche Beschlüsse gefällt wurden, können spätere Massnahmen darauf ausgerichtet oder im Fall von Änderungen mitberücksichtigt werden. Auch ist so erst möglich, im Rückblick getroffene Massnahmen zu evaluieren und einen "Lerneffekt" zu generieren. Die entsprechende Modifikation einzelner Liegenschaften führen so zu einer übergeordneten Optimierung des gesamten Portfolios.

Planet: von CO2-Benchmarks und Energieeffizienzpfaden

Zwecks Vergleichsmöglichkeiten lohnt sich zuerst ein kurzer Blick über die Grenze. Im Rahmen des Pariser Klimaübereinkommens hat sich die Schweiz verpflichtet, bis 2030 ihren Treibhausgasausstoss gegenüber dem Stand von 1990 zu halbieren und verfolgt das Ziel, ab 2050 unter dem Strich keine Treibhausgasemissionen mehr auszustossen. Der Gebäudebereich ist verantwortlich für 26% der Treibhausgasemissionen und liegt damit im selben Rahmen wie in Deutschland (28%). Hierbei werden nicht nur direkte Emissionen eingerechnet, die mit dem Energieverbrauch zusammenhängen, sondern auch der sogenannt "Ökologische Rucksack", also die CO2-Emissionen, die in der gesamten Wertschöpfungskette aller Materialien anfallen. Um eine Einsparung im Gebäudebereich sicherzustellen, diskutiert die Schweiz heute über verbindliche CO2-Benchmarks (CO2-Benchmark Energiebereitstellung: 20 kg CO2 / m2 für bestehende Bauten ab 2023; Verschärfung um 5 kg alle 5 Jahre) und orientiert sich an der SIA 2040 "Energieeffizienzpfade" des Schweizerischen Ingenieur- und Architektenverein.


In Kontext gesetzt: SIA 2040

Der SIA-Effizienzpfad Energie zeichnet sich durch eine gesamtenergetische Betrachtung aus: Neben der Betriebsenergie werden auch deren graue Energie und die standortabhängige Mobilität einbezogen. Des Weiteren sind Zielwerte für die Treibhausgasemissionen anzugeben. Sie sind aufgrund der Klimaauswirkungen zentral und bilden neben der nicht erneuerbaren Primärenergie die zweite Beurteilungsgrösse. 

SIA-2040 setzt Zielwerte für die drei Gebäudekategorien Wohnen, Büro und Schulen und zwar für Neubauten wie auch für Umbauten und Sanierungen. Damit ist erstmals eine energetische Betrachtung über den ganzen Lebenszyklus von Gebäuden möglich, die mit dem Bereich Mobilität auch das siedlungs- und städtebauliche Umfeld einbezieht. 

Die in der Norm enthaltenen Anforderungen an Embodied Carbon und Operational Carbon können als Orientierung für Zielwerte genutzt werden. Im Schlussbericht zur SIA 2040 «Erweiterung des Gebäudeparkmodells gemäss SIA-Effizienzpfad Energie» von 2016 sind Hintergrundannahmen und Ergebnisse detailliert erläutert. Besonders interessant sind die nach Nutzungsarten (z.B. Wohnen oder Verwaltung), Szenarien und Zeitraum aufgeführten Treibhausgasemissionen und Primärenergieverbräuche für Gebäudebestand, Neubau und Sanierung. Sie können als Vergleichsgrundlage für das eigene Portfolio herangezogen werden, um die CO2-Absenkpfade einzelner Liegenschaften zu überprüfen.


Eine Auswahl arelevanten Daten im Nachhaltigkeitsmanagement entlang des Portfolio & Building Life Cycle 

Auch der deutsche Klimaschutzplan 2050 sieht vor, bis Mitte des Jahrhunderts weitgehend treibhausgasneutral zu sein. Für den Gebäudesektor wurden separate Ziele erhoben, die eine Reduktion der Treibhausgasemissionen von rund 67 Prozent bis 2030 vorsehen (2). Die Minderung soll durch anspruchsvolle Neubaustandards, langfristige Sanierungsstrategien und die schrittweise Abkehr von fossilen Heizungssystemen erzielt werden. Es wurden allerdings keine Zielvorgaben für Bestandesimmobilien – und damit für einen Grossteil aller deutschen Gebäude – gesetzt.

Die aktuellen Zielwerte und Vorgaben zu Treibhausgasemissionsgrenzwerten (kg CO2-Äquivalente/ m2/Jahr) eignen sich daher nur bedingt für Immobilienbestandeshalter – sie sind bundesweit noch nicht auf einzelne Bereiche wie Verkehr oder den Gebäudesektor heruntergebrochen und somit wenig fassbar. Daher hat die Deutsche Gesellschaft für Nachhaltiges Bauen (DGNB) ein Rahmenwerk für «Klimaneutrale Gebäude und Standorte» erarbeitet, das Regeln für die CO2-Bilanzierung von Gebäuden definiert und ausserdem Rahmenbedingungen für die CO2-Berichterstattung von Gebäuden und CO2-Management-Methode sowie einen Klimaschutzfahrplan ausweist. 

Der starke Fokus auf Neubauten unterstützt den Bedarf an LCDM. Für Neubauten reichen Vorgaben für Zertifikate, Bauweisen oder Materialen aus. Für die nachhaltige Entwicklung und Steuerung von Bestandesimmobilien und -portfolios muss jedoch die aktuelle Ausgangslage vorab aufgenommen werden, um so über klare Steuerungsgrössen (KPIs) zu einer konsequenten Absenkung des CO2-Pfades zu kommen. 

Profit: der Bauweise Rechnung tragen 

Um diese Ziele zu erreichen, müssen bereits bei der frühen Planung von Neubauten konkrete Treibhausgaszielwerte von Immobilienbestandeshaltern berücksichtigt und vorgegeben werden, um nicht nachträglich erhöhte Aufwände für Optimierungsmassnahmen oder allfällige CO2-Kompensation tragen zu müssen. Gerade im Zuge der sich verändernden regulatorischen und gesellschaftlichen Ansprüche im Hinblick auf Nachhaltigkeit wird heute zu Recht nicht mehr für die Ewigkeit, sondern für die Zukunft gebaut.

Die wohl wichtigste Errungenschaft der letzten Jahren im Kampf gegen den Klimawandel im Gebäudesektor dürfte die Erkenntnis sein, dass sich Rendite und Nachhaltigkeit nicht ausschliessen – im Gegenteil! Dabei ist die Betrachtung der Lebenszykluskosten von entscheidender Bedeutung für den Werterhalt von Immobilien. Eine verlässliche Berechnung der Folgekosten von Investitionsentscheiden bereits in der Planungsphase ist ausschlaggebend für den späteren Marktwert, gerade wenn man bedenkt, dass die Betriebs- und Unterhaltskosten über die gesamte Lebensdauer eines Gebäudes hinweg bei einer statischen Berechnung bis zu 40% ausmachen (3). Energiekosten fallen dabei normalerweise mit bis zu 25% ins Gewicht!

Energetische Kostenfaktoren über den gesamten Lebenszyklus einer Immobilie 

Die Höhe der Betriebskosten wie auch der Treibhausgasemissionen wird dabei von verschiedenen bauspezifischen Faktoren beeinflusst wie dem Baujahr, der Bausubstanz, den verwendeten Materialien und dem Anteil regenerativer Energiequellen. Aber auch die Architektur, der Ausbaustandard und der Technologiesierungsgrad einer Liegenschaft spielen eine Rolle. Nebst baulichen Parametern beeinflussen auch rechtliche Vorschriften wie beispielsweise CO2-Benchmarks oder Steuerabgaben die Höhe der Betriebskosten. 

Während Betriebskosten dank umfassenden Datenpools und bestehender Datenstandards in Bezug auf die Kostenstruktur (bspw. DIN18960, ICMS-Standard von RICS) präzise errechnet und gebenchmarkt werden können, ist die Berechnung der Treibhausgasemissionen um einiges komplexer. Für die effektive Berechnung ist ein BIM-Modell notwendig, das eine Bill of Materials - zu Deutsch "Stückliste" - enthält. Des Weiteren liefert das BIM-Modell Angaben zu Flächen und Bauweise und in späteren Phasen des Building Life Cycles auch detaillierte Informationen zu Schichtaufbauten. Diese Daten ermöglichen eine automatisierte Energieberechnung, die wiederum als Basis dient für eine Abschätzung der betrieblichen Treibhausgasemissionen. 

In der Nutzungsphase ist ein gezieltes Energiemanagement sowie ein jährliches Monitoring der Schlüssel zum nachhaltigen Erfolg. Verbrauchsdaten müssen regelmässig ermittelt, mit den in der Planung angestrebten Werten abgeglichen und entsprechend optimiert werden. Im Zuge dessen werden die Treibhausgasemissionen der Energiebereitstellung berechnet und ausgewiesen. Als positiver Nebeneffekt kann ein jährliches Monitoring auch weitere notwendige Massnahmen aufzeigen, die beispielsweise den Betrieb unterstützen oder die Instandsetzungsplanung vorantreiben. Typische Ansätze für die Verminderung von Energiekosten umfassen die Verwendung von einfachen, energieeffizienten Technologien (Wärmepumpe, PV, Lüftungsanlagen), eine gute Wärmedämmung und eine kompakte Bauweise. Höhere Investitionen bei Planung und Erstellung werden damit oftmals mehr als kompensiert.

Anteil der reinen Energiekosten an den Betriebskosten ohne Einberechnung des Mietstroms 

Zukünftig dürfte der Energieverbrauch in der Nutzungsphase von Neubauten so mehr und mehr in den Hintergrund treten, während die Energieproduktion vor Ort und das Thema der «grauen Energie» an Bedeutung gewinnen. Die Energiekosten werden sich verringern und im Fall von Plusenergiegebäuden sogar in Einnahmen aus der Bereitstellung von vor Ort produzierter Energie umkehren.


In Kontext gesetzt: Graue Energie

Aufgrund der sinkenden Energieverbräuche in der Nutzungsphase von Gebäuden nimmt die Bedeutung der Baumaterialien und deren energetischen und umweltlichen Konsequenzen zu. Bei der grauen Energie werden sämtliche energetischen Aufwände des Produktes aufsummiert, von der Gewinnung der Rohstoffe über die Instandsetzung bis hin zur Entsorgung am Ende der Lebensdauer. Bei Gebäuden mit geringem Energieverbrauch in der Nutzungsphase stellt die graue Energie der Materialen (Konstruktion) einen zunehmend grossen Anteil dar.


Die laufende Datenerfassung und die daraus resultierenden Optimierungen ermöglichen die Erstellung eines liegenschaftsspezifischen CO2-Absenkpfads, der die Potenziale und Herausforderungen berücksichtigt, die unter anderem mit der Mietlage einhergehen. Die Ergebnisse fließen also in eine umfassende Bewertung der Liegenschaften ein, wodurch portfoliospezifische CO2-Benchmarks abgeleitet und Kosten prognostiziert werden können. Das ist allerdings noch Zukunftsmusik. Die Immobilienbranche steht erst in den Anfängen eines effizienten, umfassenden Datenmanagements. Die immense Fülle der für ein nachhaltiges Portfoliomanagement erforderlichen Daten sowie deren Verteilung in diversen Systemen verkompliziert den Fortschritt zunehmend. Die nächsten Schritte müssen daher sein, einen übergeordneten Datenstandard zu implementieren und einheitlich entlang der IT-Systemlandschaft umzusetzen, um so alle relevanten Daten zu konsolidieren und zugunsten einer ganzheitlichen Betrachtung über den Lebenszyklus hinweg auswerten zu können.

People: Massnahmen zur Verbesserung von Mieterzufriedenheit und Nachhaltigkeit 

In der gesellschaftlichen Wahrnehmung geniesst die Reduktion von Treibhausgasemissionen während der Nutzungsphase einer Immobilie wohl die höchste Bedeutung. Im Wohnbereich ist Nachhaltigkeit mehrheitlich als Nebeneffekt von Kosteneinsparungen zu verstehen. Der Fokus liegt dabei also eher auf dem persönlichen Komfort und weniger auf CO2-Absenkung. Im Gewerbereich hat Nachhaltigkeit einen anderen Stellenwert, der sich insbesondere durch gesellschaftlichen Druck bildete. Die meisten Unternehmen etablieren Nachhaltigkeitsstrategien und -massnahmen zumindest teilweise aus Imagegründen und vertreten öffentlich eine „Green Philosophy“. 

Ein profitables, umweltschonendes Gebäude stellt seine Nutzer ins Zentrum allfälliger Optimierungsmassnahmen. Die regelmässige Kommunikation zwischen Bestandshaltern, Property Managern und Mietern birgt viele Vorteile: häufig wird die Mieterbindung dadurch erhöht, Mängel lassen sich frühzeitig feststellen oder sogar antizipieren und das Gebäude kann langfristig entlang der Mieterbedürfnisse ausgerichtet werden. Ein beliebtes Kommunikationsmittel sind Befragungen zur Mieterzufriedenheit. Häufig zeichnen sich dabei fünf Themenbereiche ab, die unter Anwendung von LCDM in eine direkte Verbindung mit nachhaltigen Massnahmen gesetzt werden können.

Die Top 5 Themen in Mieterbefragungen 

Mietpreis und Nebenkosten: Intransparenz gilt als häufiger Grund für die Unzufriedenheit vieler Mieter und das nicht nur, was die Abrechnungen der Nebenkosten betrifft. Nur die wenigsten Gebäudenutzer wissen um die Bemühungen, die Bestandeshalter zur Reduktion von CO2-Emissionen unternehmen. Die daraus entstehende Kosten führen oft zu Miss- oder Unverständnis auf Mieterseite. 

LCDM schafft Transparenz durch Standardisierung. Indem einzelne Kostenfaktoren konsistent über alle Liegenschaften ausgewiesen und dokumentiert werden, lassen sich Nebenkosten differenziert ermitteln und klar beschreiben. Massnahmen, die zur Senkung von Nebenkosten führen, können konkret aufgezeigt und gemessen werden und der Nutzen kommt dem Mieter so gleichermassen zu Gute wie dem Bestandshalter. Auch können Veränderungen der Verbrauchsdaten einander gegenübergestellt werden und so als Belege für Mietzinsanpassungen angeführt werden.

Parkplatz und E-Mobilität: Das deutsche Zukunftsinstitut sah Elektroautos bereits 2012 als Energiespeicher und deklarierte «Vehicle-to-Grid“ als neue Zauberformel (4). E-Mobilität spielt heute insbesondere im Kontext von Plusenergiehäusern eine zunehmend grosse Rolle im Gebäudesektor. Die EU fördert das Aufladen von Fahrzeugen in Immobilien zusätzlich indem sie in einer neuen Vorgabe für Energie- und Gebäudeeffizienz in allen grösseren Gebäuden ab 2025 Ladestationen für Elektroautos vorsieht (5).  

LCDM misst den durch Ladestationen verursachten Energieverbrauch und kann in Gemeinschaftsgaragen sicherstellen, dass die richtige Person oder das richtige Unternehmen für die Stromkosten aufkommt. Auch ist denkbar, dass mithilfe von Dashboards aufgezeigt wird, welche Autos bereits geladen sind und wo sich freie Ladestellen befinden. Das unterstützen den Carsharing-Ansatz, was zu weniger Abgas, weniger Lärm und weniger Verkehr führt.

Facility Management: Wir leben in einer Kultur der Wahl. Individualisierung ist die Basis der westlichen Gesellschafsstruktur und berührt uns daher in fast allen Lebensaspekten. Überraschenderweise ist die Bau- und Immobilienwirtschaft eine der wenigen Sektoren, der sich noch sehr stark an kollektiven Mustern orientiert, gerade auch, was den Gebäudebetrieb betrifft. So werden beispielsweise die Energiekosten in vielen Wohnliegenschaften unabhängig vom individuellen Verbrauch allen Parteien zu gleichen Anteilen angerechnet oder die Reinigung in Bürogebäuden nicht nach Bedarf, sondern nach einem fixen Dienstplan durchgeführt.

LCDM fördert Customization, indem es individuelle Bedürfnisse oder spezielle Vorkommnisse quantifiziert. So können Nebenkosten durch eine eindeutige Zuweisung der Aufwände individuell nach Verbraucherprinzip abgerechnet werden und das Mapping von Besucherströmen in Gewerbeimmobilien ermöglicht eine Reinigung nach Bedarf an High Frequency Points wie einer Kundenzone oder nach Veranstaltungen.

Akustischer Komfort: Niemand hat Lust, sich am Sonntagabend den Tatort von den streitenden Nachbarn vermiesen zu lassen oder der Weihnachtsparty der Bürokollegen aus dem obersten Stock drei Etagen tiefer unfreiwillig vor dem eigenen Bildschirm beiwohnen zu müssen. Kein Wunder ist effiziente Lärmdämmung eine Voraussetzung für das Komfortlevel der meisten Mieter. 

LCDM ermöglicht Variantenvergleiche zwischen geplanten und erzielten Daten und erlaubt Vermietern so, den Effekt von Massnahmen zu berechnen. So können Optimierung- und Sanierungsmassnahmen mit den Ergebnissen aus den Mieterbefragungen gematcht werden, um zu prüfen, inwiefern sich die Akustik verbessert hat. Portfolioinhaber sind ausserdem in der Lage, Spezifikationen der jeweiligen Liegenschaft wie Nutzungs- und Umgebungsdaten miteinzubeziehen. Schliesslich erfordern Wohngebäude eine andere Schall- und Lärmdämmung als beispielsweise Lagerhallen. 

Thermischer Komfort: Wer schon einmal einem grösseren Workshop in einem Sitzungszimmer beiwohnte, weiss, wie wichtig eine effiziente Lüftung und ein auf die Personenbedürfnisse abgestimmtes Raumklima ist. Das persönliche Komfortlevel von Gebäudenutzern hängt massgeblich mit der Gebäudetechnik zusammen. Je zahlreicher die Möglichkeiten zur Individualisierung sind, desto wohler fühlen wir uns im Büro oder in unserer Wohnung und desto breiter sind die Möglichkeiten, nachhaltiges Verhalten zu fördern.  

LCDM erkennt Muster, die sich aus der Gebäudenutzung ergeben und schafft die Grundlage für Liegenschaftsbesitzer, daraus erforderliche, pro-aktive Anpassungen für den Betrieb oder das Gebäude abzuleiten. Wird beispielsweise ein Sitzungszimmer für 15 Personen gebucht an einem Sommertag bei 32 Grad, kann der Raum eine halbe Stunde vor der Sitzung heruntergekühlt werden. Damit lässt sich wiederum vermeiden, dass Sitzungsteilnehmer vor Beginn die Fenster öffnen, um «durchzulüften». 

Während andere Wirtschaftszweigen wie beispielsweise die Konsumgüterbranche die aus Meinungsumfragen hervorgehenden Daten als heiligen Grahl betrachten, verkennt die Bau- und Immobilienwirtschaft deren Tragweite noch viel zu oft. Abgesehen davon, dass unzufriedene Mieter auf absehbare Zeit zu Leerständen führen, ermöglicht eine gezielte Bedürfnissabfrage den Aufbau neuer Dienstleistungen oder gar Geschäftsfelder. So wurden und werden Wäscheservices eingeführt, Co-Working Spaces und zeitlich limitierte anmietbare Büroräume kreiert oder im Kollektiv genutzte Fitnessräume etabliert. Solche Annehmlichkeiten erhöhen die Mieterbindung und helfen mit, kostspielige Mieterwechsel zu vermeiden oder führen teilweise sogar zu höheren Mietererträgen.  

Die Bedeutung, welche Daten in anderen Branchen beigemessen wird, wird zwar auch in der Bau- und Immobilienwirtschaft gern gebetsmühlenartig wiederholt, aber trotzdem noch kaum je gelebt. Dabei ist es längst unumstritten: Daten lösen Erdöl als Ressource mit höchster Relevanz für die Umwelt, Wirtschaft und Gesellschaft ab! Die Erfassung ist dabei nur der erste Schritt in einer langen Prozesskette, die bereits bei der Initiierung von Bauprojekten beginnt und den gesamten Lebenszyklus eines Gebäudes umfasst. Nur das stringente, standardisierte Management von Daten ermöglicht eine gezielte, regelmässige Analyse und die Umsetzung von entsprechenden Handlungsoptionen. Es ist unser aller Aufgabe, den Klimawandel zu stoppen – LCDM bietet insbesondere Investoren und Portfoliomanagern eine exzellente Möglichkeit, selbst einen effektiven Beitrag zu leisten.


Rebekka Ruppel ist studierte Bauingenieurin, MSc. ETH, und Geschäftsführerin der pom+Deutschland GmbH, der deutschen Tochtergesellschaft des führenden Schweizer Beratungsunternehmen im Bereich Immobilien und Infrastruktur. In Ihrem Spezialgebiet „Digitalisierung der Immobilienbranche“ führt Sie Trend- und Technologiescoutings durch und unterstützt zahlreiche Unternehmen bei der Erarbeitung und Implementierung von Digitalisierungsstrategien, neuen Geschäftsmodellen und Operating Models.

Smart Digital Real Estate: #thenextlevel

Dieser Artikel wurde im Rahmen des Buches Smart Digital Real Estate geschrieben. Das Fachbuch beschäftigt sich mit Innovationen im B2B-Sektor der digitalen Immobilienbranche. Branchenexperten berichten in ihren Beiträgen über die aktuellsten Entwicklungen in den relevantesten Bereichen.

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(1) Meins, Erika; Burkhard, Hans-Peter (2009): ESI® Immobilienbewertung – Nachhaltigkeit inklusive. CCRS (Hrsg.), Zürich. www.ccrs.uzh.ch.

(2) www.bmu.de/klimaschutzplan-2050

(3) Mulle, R., Salzmann, S. (2020): Der Bauweise Rechnung getragen. fmpro service, 01/2020. www.pom.ch/de/knowledge-pool/

(4) Rat für Formgebung/German Design Council, Zukunftsinstitut GmbH (2012): Design E-Mobility. Trend-Dossier zum Kontext Design und Elektromobilität. Frankfurt. www.zukunftsinstitut.de/artikel/e-mobility-mischt-den-markt-auf/

(5) www.mobilityhouse.com/de_de/ratgeber/ladestationen-in-immobilien-warum-jetzt-die-stunde-der-elektromobilitaet-schlaegt

Weitere Quellen:

Welke, Mareike; Weiß, Martin; Tibbe, Till (2018): Klimaschutz in Zahlen. Fakten, Trends und Impulse deutscher Klimapolitik. Ausgabe 2018.

Bundesministerium für Umwelt, Naturschutz und nukleare Sicherheit (BMU), Berlin, www.bmu.de.